Geschrieben von Geschäftsstelle

Vielleicht hat der eine oder andere Ostern 2017 den ZDF-3teiler „Kudamm 56“ gesehen. Es geht um die Familiengeschichte der Tanzschule Galant im Jahre 1956, in der die Tanzschulbesitzerin Catarina Schöllack (gespielt von Claudia Michelsen) versucht, ihre 3 Töchter bestmöglich unter die Haube zu bringen. Dabei werden die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse mit ihren Problemen sehr anschaulich dargestellt. Ich hatte das Vergnügen, als Tanzkomparse mitwirken zu dürfen, und das kam so:

 

Unsere erste Vorsitzende der Tanzabteilung Jenny hatte eine Suchanfrage nach Tänzern für eine Fernsehproduktion an uns per Mail weitergeleitet. Gesucht wurden Tänzer und Tänzerinnen, mit sehr guten Slowfox, Walzer und Foxtrott oder Rock’n‘ Roll Kenntnissen.

 

Mehr aus Jux und Neugier habe ich mich zum Casting beworben, obwohl ich gerade keine Tanzpartnerin hatte, aber man sagte mir, es stünden einige Solodamen zur Verfügung, also kein Problem.

 

Das Casting fand in einer Ballettschule in Tempelhof statt und zog sich wegen des großen Andranges, über 2 Tage hin. Ich bekam eine etwas mollige Dame zugewiesen, und wir hatten ein paar Sekunden Zeit, uns vorzustellen. Und dann begann der Sprung ins kalte Wasser. Sie entschuldigte sich zunächst, dass sie lange nicht mehr getanzt hätte und fragte mich, mit welchem Bein sie jetzt anfangen müsse. Na toll, dachte ich, das fängt ja gut an. Doch sie ließ sich gut führen und so haben wir uns lächelnd durchgemogelt. 

 

Vorgetanzt wurde in Vierergruppen, erst Slowfox dann Langsamer Walzer zur schnulzigen Musik der 50iger. Rechts und links von mir legten sich die Turnierpaare so richtig ins Zeug und überboten sich in Oversways und Lunges. Hier hatte ich wohl keine Chance und betrachtete das ganze Geschehen für mich lässig als Riesenspaß. An sich hätte ich ja auch viel lieber in den Rock’n’Roll Szenen (die Leidenschaft meiner Jugend) mitgewirkt, aber dafür war ich nun doch schon zu alt. Die damalige ältere Generation hätte niemals in der dieser verschrienen „Hottentotten-Musikszene „ mitgemacht. Und somit waren die Jungtänzer des RR-Clubs Spreeathen wohl viel besser am Platze.

 

Die 3-köpfige Jury aus Chefchoreografin und Regieassistentinnen beäugten das Ganze kritisch und machten Videoaufnahmen. Dann gaben sie zu verstehen, dass das alles zwar nett aussehe, aber das könne man für diesen Film nicht gebrauchen. Kein Mensch würde in einer Tanzschule der 50er Jahre mit derartigen Posen aufwarten. Und schließlich kam noch der Hinweis, dass weder Tattoos oder Piercings, sowie eigene Brillen und Uhren erlaubt seien, und man müsse auch bereit sein, sich die Haarfrisur mitunter deutlich umgestalten zu lassen. Auch sei eine Sonnenbräunung nicht erwünscht. Schließich saß man damals in der Fabrik und nicht am Strand. Daraufhin warfen einige Damen und Herren das Handtuch und damit wurde der Bewerberkreis sehr viel kleiner. Überraschend bekam ich dann einige Tage später einen Anruf mit der Botschaft, dass ich zu den Auserwählten gehöre. Einzige Bedingung: Haare wachsen lassen und nicht in die Sonne gehen bis zum Ende der Dreharbeiten im August 2016.

 

Der nächste Schritt war dann der sogenannte Fitting-Termin. Stundenlanges Herumsuchen in alten Klamotten aus dem Fundus diverser Theater und den Babelsberger Studios mit anschließenden Änderungsaufträgen an die hauseigene Schneiderei. Welch ein riesiger Aufwand, dachte ich, für Komparsen, die, wenn überhaupt, nur Bruchteile von Sekunden im Hintergrund zu sehen sind. Nachdem ich streng zurück gekämmt und frisch gegelt aus der Maske kam, sah ich aus wie das Double von Wilhelm Pieck und hoffte, dass mich niemand im Fernsehen wiedererkennen würde.

 

Gedreht wurde in den Tempelhofer UFA-Filmstudios an mehreren heißen Sommertagen. Los ging es bereits morgens um 7:00 Uhr, zuerst Fitting dann Maske. Die Hauptzeit verbrachten wir Komparsen anschließend wartend auf dem Hof, Karten spielend und ständig lachend über unsere Outfits. Zu schaffen machte uns die brütende Hitze in voller Montur mit Weste und Hosenträger bis die entsprechende Szene endlich dran war.

 

Welch eine Erlösung dachte ich, doch weit gefehlt. Jetzt ging der Stress erst richtig los. Gefühlte 45 Grad im Lichte der vielen riesigen Studioscheinwerfer und das unermüdliche Wiederholen von Tanzszenen bis spät in die Nacht. Während die Hautdarsteller (Uwe Ochsenknecht, Heino Ferch, Claudia Michelsen und Co) ständig betupft wurden, zerflossen die Komparsen im eigenen Saft, aber in den Drehpausen wurde dann auch Wasser verteilt.

 

Immer wieder fand der Regisseur ein Haar in der Suppe und dann folgte erneut die Ansage: „Alles zurück auf Anfang “. Also dann nochmal lächeln und so tun, als wäre es der erste Tanz des Abends zur schnulzigen Walzermusik „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein“. Zwischendurch wurde immer wieder viel gelacht und wir hatten Mühe, total ernst zu bleiben besonders bei der Prügeleiszene im 3. Teil.

 

Nach 3 Drehtagen waren alle Tanzszenen im Kasten. Für mich war die Arbeit am Set ein Hochgenuss, zumal ich dabei eine Zeitreise zurück in meine Jugend erleben durfte. Die Kulissen in den verschiedenen Räumlichkeiten waren bis ins kleinste Detail im Stil der 50er Jahre absolut originalgetreu nachgebildet.

 

Diese Zeitreise durfte ich im letzten Sommer 2017 noch einmal erleben, nachdem ich mich erneut für das Casting der Fortsetzung „Kudamm59“ beworben hatte.

 

Und wieder hatte ich keine Tanzpartnerin und so bot man mir die kleine Nebenrolle als „Tanzlehrer Herr Behrenz“ an. Das war wie ein 6er im Lotto. Ich wurde zwar wieder zum Wilhelm Pieck umgemodelt, aber ich musste nun nicht mehr im Scheinwerferlicht schwitzend tanzen, sondern konnte zwischen den Tanzschülern wichtig und lässig umherschlendern und meine Anweisungen geben. Ein Riesenspaß.

 

Über die Handlung darf ich nichts verraten und so müssen die Fernsehzuschauer bis zum Frühjahr 2018 warten, wie es mit dem Schicksal der Tanzschule Galant und den vier Damen in „Kudamm59“ weiter geht.

 

Ich bin sicher, dass sich der große Publikumserfolg von „Kuhdamm56“ fortsetzten wird.

 

Ich wünsche Euch allen viel Spaß beim Anschauen

 

Ralph Cassau